"Anker der Seele"

"Ich kann also, genau gesprochen, nicht sagen, daß ich einen Körper habe, aber die geheimnisvolle Verbindung, die mich mit meinem Körper eint, ist die Wurzel aller meiner Möglichkeiten zu haben. Je mehr ich mein Körper bin, desto mehr an Wirklichkeit wird mir verfügbar, existieren die Dinge doch nur, sofern sie mit meinem Körper in Kontakt stehen, an ihm wahrgenommen werden. Hier aber, so scheint mir, liegt das Wesen der seelischen Erkrankung, daß die existenzielle Einheit von Selbst und Körper gestört oder verlorengegangen ist. Für den Patienten wird die Welt, die Wirklichkeit unverfügbar, er verliert das Bewußtsein seiner selbst als Existierender, er vermag keinen Kontakt - oder nur einen gestörten - nach außen, zu anderen finden."

                                                                                           Marcel 1968

 

Körpertherapie mit psychisch kranken Menschen

Eine Zusatzqualifikation für Helfer, die mit psychisch kranken Menschen arbeiten

Der Einbezug des Leibes in die therapeutische Rekonstruktion.

Wir müssen in der Therapie das dualistische Aufspalten in Leib und Seele überwinden. Wir müssen den Leib in die Therapie einbeziehen. Der Leib des Menschen macht ja auch sein interaktionelles Wesen aus. Je nach Schwere der Betroffenheit ist die leiborientierte Therapie zu gestalten. Wo es notwendig ist - und die Notwendigkeit zeigt der Patient durch seine Symptome an - ,wird der Therapeut mit dem Patienten atmen, er wird Übungen der Bewegung, des Haltens, des Stehens, Gehens, Greifens, Stossens, Fangens machen. Die Zentrierung im Körper ist wichtig.

(C. Scharfetter, Schizophrene Menschen, S.226)

 

Der schweizer Psychiater Christian Scharfetter hat die Bedeutung des Körpers und einer "leiborientierten Therapie" für psychisch kranke Menschen erkannt und in den Vordergrund gestellt. Er orientiert sich bei seiner Betrachtung am unmittelbaren Erscheinungs-bild der Krankheit und dem Erleben der Patienten. So entsteht ein Bild, das neben dem heutigen Erkennt-nisstand auch der Besonderheit der individuellen Erkrankung gerecht wird.

Die hier angebotene Zusatzqualifikation baut auf dieser Sichtweise auf und nutzt dafür Methoden aus verschiedenen Ansätzen der Körperarbeit und Körper-Psychotherapie.

Leiborientierte Therapie

Psychisch kranke Menschen leiden häufig unter körperlichen Symptomen, die wenig beachtet und selten im Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung gesehen werden - mit Ausnahme extremer, etwa katatoner Zustände. Aber starker Hyper- oder Hypotonus kann durchgängig vorhanden sein oder sich in einer Person in verschiedenen Körperregionen abwechseln, Starre oder Passivität folgen häufig starken Erregungszuständen, Körpergefühl und Körperschema können entstellt und die Fähigkeit zu willkürlicher Kontrolle kann stark eingeschränkt sein.

Diese körperlichen Zustände existieren weder neben der psychischen Krankheit noch sind sie ihr Ausdruck - sie gehören vielmehr zu dem Menschen in seinem Erleben und zu der individuellen Ausprägung seiner Krankheit.

Wer mit psychisch kranken Menschen mit dem Körper arbeitet, hat es mit der ganzen Person und ihrer Krankheit zu tun.

Physiotherapeuten sollten sich weniger als Spezialisten für das Stützsystem oder den Bewegungsapparat verstehen. Sie können nämlich über die Arbeit mit dem Körper dem Ich des Patienten Möglichkeiten zu Selbstorganisation, Handlung und emotionalem Ausdruck eröffnen. Psychotherapeuten können aus dem Einblick und der Einfühlung in Zustände und Erlebnisweisen des Organismus neue, "leiborientierte" Strategien entwickeln, die das gegenwärtige Erleben der Patienten in grundlegenden Dimensionen der Identität stärken.

Psychisch kranke Menschen leiden an einer verschieden ausgeprägten Abspaltung der Erregung von Wahrnehmung und Bewußtsein. Das "Körper-Ich" als Wurzel des einheitlichen und kontinuier-lichen Selbsterlebens kann so negativ besetzt, brüchig oder reduziert sein, daß die Menschen emotionale Spannungen kaum tolerieren oder ausdrücken können - stattdessen werden sie z.B. von emotional kaum identifizierten Erregungswellen überflutet, erstarren auf verschiedene Weisen oder leben wie im Schock, scheinbar ohne emotionale Beteiligung.

Einer schwachen, starren Grenze nach Außen entspricht eine ebensolche gegenüber der inneren Welt. Die Wahrnehmung, Kontrolle und emotionale (oder "libidinöse") Besetzung des Körpers kann aber beim Aufbau der Grenzen und der Regulierung der Erregung helfen und damit das Ich stärken.

Der Zugang über den Körper ist auch häufig unproblematischer, weil leichter neue Fähigkeiten vermittelt und als Ressourcen genutzt werden können, z.B. organisierte und organisierende Körperbewegungen. Der spielerische, übende und geistig präsente (also nicht mechanische) Umgang mit dem Körper ermög-licht häufig leichteres Lernen neuer Fähigkeiten, die sich physisch wie psychisch äußern. Die Selbstwahrnehmung wird gestärkt und integriert.

Zusatzqualifikation für Wen?

In dieser Weiterbildung/Zusatzausbildung lernen helfende Berufe, die therapeutisch mit psychisch kranken Menschen arbeiten (Psycho-, Physio-therapeuten und angrenzende Berufe), Möglichkeiten einer leiborientierten Therapie in Theorie und Praxis. Voraussetzung der Teilnahme ist eine entsprechende berufliche Qualifikation und eine stationäre oder ambulante Arbeit mit Patienten, da die Weiterbildung berufsbegleitend konzipiert ist. In Ausnahmefällen (etwa bei Vorerfahrung) kann davon abgesehen werden.

Ziele

Die Teilnehmer lernen den eigenen Körper in seiner Bedeutung für Identität und Kontakt, Emotionalität und Antrieb, Wahrnehmung und Denken kennen und bekommen von hier aus einen Zugang zum Verständnis von "psychischer Krankheit", bzw. Gesundheit. Sie lernen Methoden und Techniken aus körperorientierten Verfahren, mit denen sie psychisch kranken Menschen bei der Ich-Stärkung und Lebensbewältigung helfen sowie ihre eigene Kompetenz erweitern können.

Inhalte

Für eine leiborientierte Therapie mit psychisch kranken Menschen sind Grundlagen der Pathologie und Diagnose von Krankheitsbildern unerläßlich, deshalb sind sie, soweit relevant für die Arbeit, Bestandteil der Ausbildung. Ebenso das Verständnis leib-seelischer Zusammen-hänge bei psychischen Erkrankungen sowie Möglichkeiten und Grenzen einer leiborientierten Therapie. In den Themenkomplexen Identität, Kontakt, Emotion und Kognition entfaltet sich das Verständnis für Erleben und leib/seelische Funktionsweisen psychisch kranker Menschen. Damit verknüpft lernen die Teilnehmer Perspektive und konkrete Möglichkeiten leiborientierter Vorgehensweise: Interventionen, aufbauende, "haltende" und entspannende Übungen, Möglichkeiten eigener Einfühlung etc.

Methode

Diese Bestandteile werden immer so weit auf die eigene Person bezogen, daß die Zustände und Erfahrungswelten psychisch kranker Menschen wie auch die Wirkung therapeutischer Vorgehensweisen möglichst weitgehend nachzuvollziehen sind.

Theoretische Präsentationen wechseln sich so mit Selbsterfahrung und angeleiteten Rollenspielen und Übungen ab. Daneben kann auch der Gruppenprozeß zur Verdeutlichung einiger Lerninhalte verwandt werden. Die Übungen und Interventionen für die leiborientierte Therapie kommen aus verschiedenen Ansätzen der Psychotherapie und Körper-Psychotherapie, der Leibarbeit, Krankengymnastik und Humanistischen Psychologie.

 Dauer: 5x 4Tage und 1x 3Tage

Kursleiter: Rudolf Müller-Schwefe


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